Jiu-Jitsu

Bild 1 (links): Jiu-Jitsu-Angriff: Felsmalereien des Wadi Sori (Gilf Kebir) V. Höhle D (nach Rhotert). Etwa 1/1 nat.Gr. Bild 2 (rechts): Jiu-Jitsu-Angriff: Darstellung der Ringerkunst des Mittelalters (nach Auerswald).
Allkampfszene: Felszeichnung des Wadi Sora (Gilf Kebir) III. Höhle CIII (nach Khotert). Nat. Größe etwa 11 x 19.5 cm.
"Polizeigriff"-Szene: Felsmalereien des Kargur Talh 39 I (Auenat-Gebirge) IV (nach Rhotert).

Woher kommt Jiu-Jitsu ?

Diese Frage stellt sich, nachdem die Mutter des Judo für das Erlernen der Selbstverteidigung wieder Aufwind erfährt.

Der Name Jiu-Jitsu weist auf Japan als Herkunftsland, wo es um 1550 aus China kommend eingeführt und von den Samurai als Fortsetzung des Kampfes ohne Waffen geübt und ausgeführt wurde.
Bekanntlich hat Jigoro Kano dann im 19. Jahrhundert daraus unseren Kampfsport Judo (der sanfte Weg) entwickelt.

Ist Jiu-Jitsu aber in seinem Ursprung wirklich eine fernöstliche Kampfart? Die historische Wahrheit über die Entstehung der waffenlosen Selbstverteidigung sieht ganz anders aus, wie die nachfolgenden Zeilen zeigen werden.

Schon im Mittelalter stand das Freiringen beim deutschen Rittertum in hoher Blüte. Wissenschaftliche Forschungen haben nachweisen können, dass die europäischen Voltigier-, Fecht- und Ringerbücher des ausgehenden Mittelalters im Vergleich mit neuzeitlichem Schrifttum nichts anderes darstellen als das "originaljapanische" Jiu-Jitsu.Es kommt dabei keine Technik vor, die nicht bereits vor mindestens 600 Jahren bei unseren Altvorderen bekannt und in Gebrauch war. (Lt. M.Vogt, Dresden 1925).
Im ausgehenden Mittelalter entstanden auch die ersten Ringerbücher. Das erste kam 1500 in Umlauf, 1512 erschien die Fecht- und Ringerhandschrift mit Zeichnungen von Albrecht Dürer und 1539 gab Fabian von Auerswald sein Ringerbuch mit Zeichnungen von Lucas Cranach heraus.
In dieser Zeit haben alle wehrhaften Männer das sogenannte Freiringen regelmässig geübt. Dabei hatte sich eine Unterscheidung in reine übungsmässige, "geselligliche", Griffe und solche, "grobe", für den Ernstfall herausgebildet.

Der dreissigjährige Krieg (1618-1648) hat dieser alten "Raufkunst" ein Ende bereitet.
Aber auch diese Raufkunst hatte ihren Vorläufer in der Antike. Das hellenische "Pankration", der Allkampf der alten Griechen, ist im Grunde nichts anderes als das heutige Jiu-Jitsu. Auf alten griechischen Vasen kann man solche Techniken abgebildet sehen.

Aber auch die Griechen haben den Allkampf nicht erfunden. Interessierte Geschichtsforscher haben den Beweis erbracht, dass schon die Ägypter diese Kampfmethoden kannten. Die Logik deren Beweisführung lässt aber auch die Annahme zu, dass die Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung schon bei den Menschen der frühen Vorzeit bekannt gewesen sein muss.

In vielen tausend Jahren hatte der Mensch Gelegenheit seine Gliedmassen und deren Verletzlichkeit kennenzulernen, passende Techniken auszudenken und sie auch einzusetzen. Da auch der körperlich stärkere an bestimmten Stellen seine Schwächen hat, konnte bei deren Kenntnis auch der sonst körperlich unterlegene einen an Kraft überlegenen Gegner kampfunfähig machen.

Beim Judo lernen wir das Gleichgewicht zu brechen, um dann eine passende Technik anzusetzen. Der menschliche Körper hat eben den Nachteil auf zwei Beinen nicht so stabil zu stehen wie ein Vierbeiner. Dazu kommen noch Nervenpunkte, die Ziele von Angriffen sein können. Die Erkenntnis, nur um ein Beispiel zu nennen, dass menschliche Gelenke nur in einer Richtung ohne Schmerz abgebogen werden können, wird dem prähistorischen Menschen recht bald gekommen sein. Gibt es dafür Beweise?
Archäologen sagen "Ja".

In den Jahren 1933 bis 1935 unternahm eine deutsche Forschungsexpedition unter der Leitung der Herren Frobemus und Rhotert eine genaue Untersuchung von Felszeichnungen im Inneren Afrikas, genauer gesagt in Libyen. Die Deutung dieser Felsbilder fiel ihnen zunächst schwer. Wie so häufig in solchen Fällen, wurden den dargestellten Menschen in ihrer Bewegung rituelle Tänze unterstellt. Eine solche Deutung passt sozusagen immer. Ihre Datierung war hingegen ziemlich genau möglich: sie sind im Neolithikum (Neusteinzeit), 4000 bis 2000 vor unserer Zeitrechnung, entstanden. Bei den dargestellten Figuren fällt auf, dass sie häufig paarweise auftreten, dass aber keine geschlechtlichen Merkmale betont werden. Auch ist eine Person häufig grösser und kräftiger dargestellt als die andere.

Erst ein Kenner des Jiu-Jitsu kam bei der Betrachtung der Szenen spontan zu dem Schluss: das sind Allkampfszenen! Nach dieser Erkenntnis fiel die Deutung der Bilder ganz leicht.
Bei Bild l (Jiu-Jitsu Angriff) können wir unschwer erkennen, dass eine schlanke grazile Gestalt einen gezielten Schlag mit der Handkante des ausgestreckten Armes gegen die Schläfe eines offensichtlich stärkeren Gegners führt. Gleichzeitig streckt sie das linke Bein vor, damit der überlegene Gegner darüber fällt und zusammenklappt. Der Grössere versucht mit dem Kopf auszuweichen und den Schlag mit seinem angewinkelten Arm abzuwehren. Der Angreifer balanciert sein Gleichgewicht durch Verlagern des Unterkörpers und Vorneigen des Oberkörpers aus, um sicher auf dem rechten Standbein zu stehen. Auf die Zeichnung von Auerswald soll hier nicht eingegangen werden.
Das nächste Bild X1 (Polizeigriff), ist zwar etwas unscharf, lässt aber doch die bekannte Abführtechnik erkennen.

Bild X2 (ALLKAMPFSZENE) haben die Entdecker zunächst als Aufforderung zum Mitkommen gedeutet. Diese Erklärung verkennt aber die dargestellte Realität. Würde die kleinere Person der grösseren freiwillig folgen, dann müsste die grössere nicht so krampfhaft die rechte Schulter hochziehen. Andererseits, wenn die kleinere Person unfreiwillig mitgezogen würde, dann läge es eher in der Natur der Sache die Füsse in den Boden zu stemmen und nicht auf einem Bein hinterherzuhüpfen. Nein - in Wirklichkeit haben wir es hier mit einer Kombination von zwei Jiu-Jitsu- Techniken zu tun. Die kleinere Figur fässt den deutlich grösseren Gegner mit beiden Händen am rechten Handgelenk. Dieser Griff, verbunden mit einem ruckartigen Zug am gestreckten Arm, löst einen Schmerz im Schultergelenk aus. Gleichzeitig kann durch Umbiegen des Handgelenks volarwärts die Hand unter Strecken des Arms als Hebelarm benutzt werden, um durch scharfe Rotation eine Luxation des Schulter- und Handgelenks hervorzurufen. Diesem Angriff sucht sich die grössere Gestalt durch Hochziehen der Schulter zu entziehen. Sie neigt den Kopf vor und schwingt den linken Arm nach vorne, um die Balance zu halten. Die zweite Technik fuhrt die links stehende Figur mit dem Bein aus. Sie stemmt ihren rechten Fuss gegen das Standbein des Gegners unterhalb des Kniegelenks, um somit den Körper aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Die Felsgrotten des Wadi Sora in der libyschen Wüste bergen noch eine ganze Reihe solcher Darstellungen. Sie lassen den Schluss zu, so Rhotert, dass es sich um einen Festplatz gehandelt haben muss, an dem sich die dort lebenden Menschen zu bestimmten Zeiten versammelten. Dabei müssen wir bedenken, dass es zu der fraglichen Zeit an diesem Platz noch keine Wüste gab, sondern Nordafrika ein fruchtbares Land war. Bei solchen Versammlungen wurde der Jugend vielleicht auch der Nahkampf beigebracht. Bewundernswert ist dabei die einfache klare und einprägsame Darstellung, die in detailgetreuer Eleganz keine Wünsche offenlässt. Ihre Aussagekraft überzeugt noch heute nach rund 6000 Jahren.

Axel von Benzon, Febr. 2000

Quellennachweis: Otto Hennig, Augsburg 1960 "Die ältesten bildlichen Darstellungen von Allkampfszenen".